„Um es kurz zu sagen: Küblböck verrät alles,
was die 68er und ihre Kinder erkämpft haben. Er verzichtet
erkennbar auf Selbstreflexion. Er lässt sich willig und bewusst
vermarkten. Er liebt die Medien. Er will nicht in erster Linie
authentisch, sondern reich, berühmt und schön sein. Er
investiert mehr in seine mediale als in seine biografische Identität.
Er ist nicht politisch, sondern romantisch. Er legt mehr Wert auf
Schönheit als auf Bildung. Es ist ihm nicht wichtig, wenn
seine Berühmtheit nur ein Jahr dauert, wenn es einfach ein
geiles Jahr ist. Was danach kommt, wird man sehen. Er träumt
von lebenslanger Liebe, ohne wirklich an die Möglichkeit dazu
glauben. Was aber für die Älteren das Komplizierteste
ist: Er provoziert gar nicht aktiv. Er nennt die Älteren nicht
Spießer, hat keine politische Aussage, tritt sowohl in Volksmusiksendungen
auf wie bei VIVA, lässt sich von jedem gerne einladen und
möchte einfach gerne, dass alle ihn lieben.
Das ist für die Älteren zuviel. Sie denken: Wir sind
früher für unsere Ideale auf die Straße gegangen.
Wir haben uns mit den Älteren, den Institutionen und den Autoritäten
richtig angelegt. Von uns sind welche für ihre Gesinnung in
den Knast gewandert! Wir haben Nachteile erlitten für unseren
Protest, noch und nöcher. Wir wollten nicht reich sein oder
berühmt, sondern wir wollten mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit
und mehr Problembewusstsein.“
Faszinierend ist Sellmann’s These, die Generation C bewohne
heute jene Welt, die Nietzsche einst heraufziehen sah:
Küblböck ist einer von Nietzsches Enkeln und Nietzsches
Erben. Er ist ein Protagonist jener Welt, die Nietzsche vor 100
Jahren heraufziehen sah. Was meine ich damit? Ein dreifaches:
- Der Lebensphilosoph Nietzsche prophezeite
eine widersprüchliche
Welt voller Macht und Abgrenzung – einfach weil
das Leben selbst der Hauptwert sein wird, über
das jeder selbst bestimmt und dessen Qualität
jeder selbst definiert. So ist es heute bei den Jüngeren:
Nur das Leben zählt. Und was Leben
ist, bestimme ich für mich. Bei Küblböck:
Ich lebe meine Töne. (So der Titel seiner Autobiografie).
- Der Ästhet
Nietzsche sah eine Welt heraufziehen, in der es keine
andere Kommunikationsform mehr geben wird
als Design und Oberfläche. Symbolische Kommunikation wird
die kognitive ersetzen. So ist es heute bei den Jüngeren:
Das Äußere zählt.
Bei Küblböck: Je schriller, desto lebendiger.
- Und
der Zyniker Nietzsche sah eine Welt heraufziehen,
in der die Menschen von grundlegender Melancholie
geprägt sein werden,
weil ihnen große Gefühle und lebenslange
Träume
nur noch im Modus der Ironie zur Verfügung stehen.
So ist es heute bei den Jüngeren: The show must
go on. Bei Küblböck:
Ich spende euch „positive Energie.“ (So
der Titel seiner CD).
Meine grundlegende These lautet, dass es diese drei, von Nietzsche
gewiesenen Wertdimensionen sind, in denen Jugendliche heute ihre
Wirklichkeit verarbeiten: Biografische Relevanz, Ästhetische
Passung und emotionale Qualität. Und genau dies macht es den Älteren
so schwer, sie zu verstehen. Denn die Älteren sind an einer
anderen Wirklichkeit sozialisiert, und sie haben diese Wirklichkeit
mit anderen Werten verarbeitet.
[…]
Ein klassischer Wertewandel also, der die Älteren besorgt
und die Jüngeren erstaunt. Die These lautet: Wir haben in
der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik nicht nur einen Wertewandel,
den berühmten Wandel von den Selbstkontroll- zu den Selbstverwirklichungswerten
um 1968 herum. Sondern wir haben einen zweiten Wertewandel festzustellen,
der sich etwa ab 1990 vollzieht, also seit der Berliner Republik.
Für die Älteren, die im Windschatten der 68-Revolte stehen
und von hierher ihre Werte beziehen (also: ihr Selbstverständnis,
ihr Politikverständnis, ihren Erziehungsstil, ihren Partnerschaftsstil
usw.), für diese Älteren gilt: Sie können ihre Werte
nicht mehr in die Generation der Jüngeren projizieren. Die
für die Älteren bittere Einsicht lautet: Die Wirklichkeit
von 2004 lässt sich nicht mehr mit den Werten und Idealen
der großen 68er Zeit begreifen.
Sellmann geht es nicht um kulturpessimistische Denunziation der
jungen Generation, sondern um einen genaueren Blick der B-Generation: „Wer
die Werte der heute Jüngeren verstehen will, muss sich dafür
interessieren, in welcher Wirklichkeit sie leben. Denn Werte sind
Reaktionen auf Wirkungen, auf Wirklichkeit.“
Das Manuskript zum
Vortrag als PDF, mehr von Matthias Sellmann
und seinen Kollegen bei www.ksa-hamm.de (mit sehr nützlichem Folienkasten!!!).
Im Nachmittagsvortrag vertiefte Matthias Sellmann die Analyse
des kulturellen Umbruchs nach 1990. Werbespots der Hypo-Vereinsbank
und der Commerzbank illustrieren den mentalen Unterschied zwischen
B- und C- Generation (Selbst-Verwirklichung vs. Selbst-Management)
sowie das fundamentale Unsicherheitserlebnis in einer Welt, die
nicht mehr zu überschauen oder gar zu kontrollieren ist:
Eine Jungenstimme (ca 17 Jahre) spricht:„Sagt mal, geht
einfach alles immer schneller? Oder bin ich nur zu langsam geworden?
Jeden Tag gibt es neue Möglichkeiten zu sparen, zu verlieren,
zu investieren. Kommt da noch jemand mit? Versteht mich nicht falsch,
ich will ja nicht die Welt anhalten – aber kann sie sich
nicht ab und zu einmal um mich drehen? Nur so lange, bis ich hier
in meinem Eck ein paar Dinge in den Griff gekriegt habe. Ginge
das?“ Claim: Leben sie! Wir kümmern uns um die Details.)
Sellmann konstituiert den Ausfall wichtiger Navigationssysteme,
auf die sich die Vorgängergenerationen noch weitgehend verlassen
konnten.
- Ausfall der biografischen Navigation. „Jeden
Tag gibt es neue Möglichkeiten, sich von der Ausbildung
her auf eine andere Zukunft einzustellen: Ist Schule wichtig?
Ausbildung?
Welcher Beruf hat Zukunft? Studium? In Deutschland? Jeden Tag gibt
es neue Möglichkeiten, seine geschlechtliche Identität
zu definieren: homo? Hetero? Bi? Trans? Welche Signale sendet mein
Körper? Jeden Tag gibt es neue Möglichkeiten, sich selbst
neu zu sehen? Bin ich schön? Habe ich Freunde? Sollte ich
die Szene wechseln? Gehöre ich zu denen oder zu denen? Es
gibt im Prinzip (nicht unbedingt real!) so viele Wahlmöglichkeiten
in so vielen Bereichen, dass bei jeder Wahlentscheidung der fragmentarische
Charakter des Gewählten überdeutlich ist. Es könnte
auch anders sein, ich könnte auch anders sein. Die Frage aus
dem Spot wird einsichtig: Kommt da noch jemand mit? Kapiert noch
jemand was?
- Ausfall der kognitiven Navigation. „Die Jüngeren
finden keine Wirklichkeit mehr vor, die man kognitiv verstehen
könnte. […]Wer versteht, wie ein ICE bremst? Wie ein
Handy funktioniert? Warum ein Joghurt mit rechtsdrehenden Milchsäuren
gesünder sein soll als einer mit linksdrehenden? Wer versteht
die Mathematik hinter seinem Lebensversicherungsvertrag? Das Kleingedruckte
auf der Wurstverpackung? Die Diagnose des Röntgenarztes? Die
Elektronik seines Autos?[…] Wer traut sich noch ein Urteil
zu über die anstehende Gesundheitsreform? Über die Rechtmäßigkeit
der Amerikaner im Irak? Über die Frage der Erlaubtheit der
Forschung an Embryonen? […] Inmitten der durchgreifenden
Wissensgesellschaft haben wir eine Krise der Vernunft und des Kognitiven.
Je mehr wir wissen, desto mehr entgleitet uns der Zusammenhang.
[…] Was heißt das alles für den Alltag der Jüngeren?
Sie kommen nicht mehr mit, kennen es aber gar nicht anders. Wir
sprechen hier analytisch von durchgreifender kognitiver Entstandardisierung.
Dies ist ein entscheidender Befund. Er bedeutet einfach gesagt,
dass wir keine Begriffe mehr haben, die eindeutig zu Verhaltenserwartungen
werden können. […]Wirklichkeit wird paradox. Die Jüngeren
erleben eine Wirklichkeit, in der kognitive Sammelbegriffe versagen.
[…] Sie erwarten von dieser Welt auch gar nicht, dass klare
Begriffe eindeutiges Verhalten nach sich ziehen müssen. Kommt
da noch jemand mit?
- Ausfall der haptischen Navigation. „In der Wissensgesellschaft
verschwindet nicht nur die kognitive Sicherheit, sondern auch der
Raum und der Körper. Die Systeme speisen keine Subjekte in
ihre Operationen ein, sondern sie prozessieren Medien. In der Wirtschaft
zählt Geld, in der Politik Stimme, bei den Medien Quote, in
der Wissenschaft Publikation, auf der Behörde der Antrag,
im Krankenhaus die Patientenakte usw. Wer aus welchen Gründen
und mit welcher Geschichte kauft, wählt, anschaut, forscht,
beantragt oder krank ist, das ist für das Funktionieren der
gesellschaftlichen Operationen völlig unwichtig. Nirgendwo
geht es um meine persönliche biografische Anwesenheit – bis
auf eine Ausnahme: dem Intimsystem. Von hierher rührt die
totale Überforderung an zwischenmenschliche Liebe, die sich
ja auch in Jugendstudien sehr deutlich zeigt: Hier, im intimen
Körperspiel, soll mir alles an Wichtigkeit und Unersetzlichkeit
gegeben werden, was mir draußen versagt bleibt. […]
Der Trend geht dahin, sich seine persönliche Welt wieder berührbar
zu machen. Das Badezimmer wird zur Wellness-Oase; Anrufbeantworter
dosieren den Außenkontakt; eigene Lern-CD-Roms ersetzen den
Gang zur Volkshochschule; Plasma-Bildschirme eröffnen das
Heimkino; das Kinderzimmer wird zum Romantikmuseum, deren wichtigsten
Ausstellungsstück das Kind ist; Tupperparties boomen genauso
wie der Besuch auf dem Wochen- oder im Heimwerkermarkt. Cocooning
bedeutet: Ich bin in der Nahwelt unterwegs. Ich pflege mein engstes
Netzwerk. Ich fühle mich wohl im Sicheren, Bekannten, Berührbaren.
Ich sitze mit meinem Leben nicht am Fernrohr, sondern am Mikroskop.
Cocooning ist eine der dominanten Wertestrategien von Jüngeren.
Warum Soaps so wichtig sind; warum Freundschaft oberster Wunsch
ans Leben ist; warum Romantik angesagt ist; warum Sex, Schönheit
und Szene so hohe Priorität haben; warum Events konstitutiv
sind für jugendliche Freizeitgestaltung; warum endlose Gespräche
darum kreisen, wie man das eigene Zimmer einrichten soll oder welche
Stadt zu mir passt – all dies ließe sich von dem einfachen
Satz her erklären: Ich will meine Welt berühren können.“
Jugendliche entwickeln mit den für sie charakteristischen
Werten intelligente und rationale Strategien, mit dieser ihnen
so gegebenen Wirklichkeit „klarzukommen“:
- „Adaptive Navigation: Jugendliche setzen bei der Erreichung
ihrer Ziele auf Flexibilität und Mobilität. Ein Ziel
wird nicht unilinear oder gar prinzipiell angestrebt, sondern über
Umwege. Man laviert, wartet ab, testet, prüft. […] Denn:
Der Ozean ist nicht vor mir, sondern neben mir.
- Reality sampling: Jugendliche haben mehrere Modi von
Wirklichkeit. Die Unterscheidung von Primär- und Sekundärwirklichkeit
hält der wissensgesellschaftlichen Gegenwart nicht stand.
Für Jugendliche gibt es keinen Unterschied zwischen realen
und medialen Vorbildern. Zwischen diesen Ebenen kann hin uns her
geswitcht werden. Virtualität ist nicht das Gegenteil von
Realität, sondern ihr Inhalt.
- Wertemix: Gegensätze werden nicht über Prinzipien oder
dialektische Manöver synthetisiert, sondern stehengelassen,
z.T. sogar gesucht und inszeniert. Die Jüngeren kennen nichts
anderes als das Paradox – daher ihre Ironie und auch ihre
Melancholie. Es gibt nicht den Anspruch, das Leben über einen
Kamm scheren zu können. Lieber sucht man die vorläufige
Lösung, die aber für die jetzt anstehende Episode passt.
[…] Leistungswerte stehen neben Freizeitwerten; Authentizitätsansprüche
stehen neben Simulationsbedürfnissen; experimentelle Stile
mischen sich mit konservativen Grundhaltungen; die Einsicht in
die eigenen Grenzen paart sich mit der Sehnsucht nach großen
Idealen.
- Ästhetisierung und symbolische Kommunikation: Das was biografisch
als bedeutsam entdeckt wurde, muss ins soziale Gespräch gebracht
werden. Hierzu steht aber der Modus der Begriffe, der linearen
Argumentation und der Bezug auf standardisierte Größen
nicht mehr zur Verfügung. Die Jüngeren kommunizieren
daher im Modus des Symbolischen. Um das erhoffte korrekte Verständnis
des Gemeinten zu erzielen, müssen die richtigen Zeichen gesetzt
werden. Darum ist das Äußere so wichtig. Und so manche
geplagte Mutter wird sich an das letzte Gespräch mit dem 16-jährigen
im Schuhregal erinnern. (Das Kind will den 160 Euro Schuh von Reebok;
die Mutter schraubt den verständlichen, aber verhängnisvollen
Satz raus: „Du, beim Aldi gibt’s gerade ein Angebot,
der kostet nur 29,90 und sieht fast genauso aus!) Hierzu muss man
wissen: Bestimmte sensible Kleidungsstücke transportieren
erheblich mehr Botschaft, als man das als Nichteingeweihter erahnen
kann. Schuhe, Frisuren, aber auch Hosen, Logos oder Musikstücke
sind inszenierte Selbstverpflichtungen, an die der Wunsch angeschlossen
ist, über Kommunikation stabilisiert zu werden.“
Das Manuskript zum
Vortrag als PDF, mehr von Matthias Sellmann
und seinen Kollegen bei www.ksa-hamm.de (mit sehr nützlichem Folienkasten!!!).
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