Landesstiftung Baden-Württemberg Landesjugendring Baden-Württemberg

Fachtag-Matthias Sellmann

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Fachtag am 26.11.2004 im Zapata, Stuttgart

Bilder: Landesstiftung Baden-Württemberg

In seinem Eröffnungsvortrag demonstrierte Matthias Sellmann – ebenso humorvoll wie fundiert – am Phänomen „Daniel Küblböck“ die Unterschiede in den Wertewelten der Pädagogengeneration und der jungen Generation. Gemeint sind einerseits die Geburtsjahrgänge etwa von 1950 bis 1970, soziologisch die „B-Generation“, und andererseits Jugendliche und junge Erwachsene etwa ab Jahrgang 1975, die „C-Generation“. Ähnlich dem Wertewandel 1968ff vollzieht sich hier ein mentaler und kultureller Bruch, und ähnlich dem damaligen Wertewandel kommt es zu gegenseitigem Befremden, Kommunikationsstörungen, Irritationen, Konflikten:

„Um es kurz zu sagen: Küblböck verrät alles, was die 68er und ihre Kinder erkämpft haben. Er verzichtet erkennbar auf Selbstreflexion. Er lässt sich willig und bewusst vermarkten. Er liebt die Medien. Er will nicht in erster Linie authentisch, sondern reich, berühmt und schön sein. Er investiert mehr in seine mediale als in seine biografische Identität. Er ist nicht politisch, sondern romantisch. Er legt mehr Wert auf Schönheit als auf Bildung. Es ist ihm nicht wichtig, wenn seine Berühmtheit nur ein Jahr dauert, wenn es einfach ein geiles Jahr ist. Was danach kommt, wird man sehen. Er träumt von lebenslanger Liebe, ohne wirklich an die Möglichkeit dazu glauben. Was aber für die Älteren das Komplizierteste ist: Er provoziert gar nicht aktiv. Er nennt die Älteren nicht Spießer, hat keine politische Aussage, tritt sowohl in Volksmusiksendungen auf wie bei VIVA, lässt sich von jedem gerne einladen und möchte einfach gerne, dass alle ihn lieben.

Das ist für die Älteren zuviel. Sie denken: Wir sind früher für unsere Ideale auf die Straße gegangen. Wir haben uns mit den Älteren, den Institutionen und den Autoritäten richtig angelegt. Von uns sind welche für ihre Gesinnung in den Knast gewandert! Wir haben Nachteile erlitten für unseren Protest, noch und nöcher. Wir wollten nicht reich sein oder berühmt, sondern wir wollten mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit und mehr Problembewusstsein.“

Faszinierend ist Sellmann’s These, die Generation C bewohne heute jene Welt, die Nietzsche einst heraufziehen sah:

Küblböck ist einer von Nietzsches Enkeln und Nietzsches Erben. Er ist ein Protagonist jener Welt, die Nietzsche vor 100 Jahren heraufziehen sah. Was meine ich damit? Ein dreifaches:

  • Der Lebensphilosoph Nietzsche prophezeite eine widersprüchliche Welt voller Macht und Abgrenzung – einfach weil das Leben selbst der Hauptwert sein wird, über das jeder selbst bestimmt und dessen Qualität jeder selbst definiert. So ist es heute bei den Jüngeren: Nur das Leben zählt. Und was Leben ist, bestimme ich für mich. Bei Küblböck: Ich lebe meine Töne. (So der Titel seiner Autobiografie).
  • Der Ästhet Nietzsche sah eine Welt heraufziehen, in der es keine andere Kommunikationsform mehr geben wird als Design und Oberfläche. Symbolische Kommunikation wird die kognitive ersetzen. So ist es heute bei den Jüngeren: Das Äußere zählt. Bei Küblböck: Je schriller, desto lebendiger.
  • Und der Zyniker Nietzsche sah eine Welt heraufziehen, in der die Menschen von grundlegender Melancholie geprägt sein werden, weil ihnen große Gefühle und lebenslange Träume nur noch im Modus der Ironie zur Verfügung stehen. So ist es heute bei den Jüngeren: The show must go on. Bei Küblböck: Ich spende euch „positive Energie.“ (So der Titel seiner CD).

Meine grundlegende These lautet, dass es diese drei, von Nietzsche gewiesenen Wertdimensionen sind, in denen Jugendliche heute ihre Wirklichkeit verarbeiten: Biografische Relevanz, Ästhetische Passung und emotionale Qualität. Und genau dies macht es den Älteren so schwer, sie zu verstehen. Denn die Älteren sind an einer anderen Wirklichkeit sozialisiert, und sie haben diese Wirklichkeit mit anderen Werten verarbeitet.
[…]
Ein klassischer Wertewandel also, der die Älteren besorgt und die Jüngeren erstaunt. Die These lautet: Wir haben in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik nicht nur einen Wertewandel, den berühmten Wandel von den Selbstkontroll- zu den Selbstverwirklichungswerten um 1968 herum. Sondern wir haben einen zweiten Wertewandel festzustellen, der sich etwa ab 1990 vollzieht, also seit der Berliner Republik. Für die Älteren, die im Windschatten der 68-Revolte stehen und von hierher ihre Werte beziehen (also: ihr Selbstverständnis, ihr Politikverständnis, ihren Erziehungsstil, ihren Partnerschaftsstil usw.), für diese Älteren gilt: Sie können ihre Werte nicht mehr in die Generation der Jüngeren projizieren. Die für die Älteren bittere Einsicht lautet: Die Wirklichkeit von 2004 lässt sich nicht mehr mit den Werten und Idealen der großen 68er Zeit begreifen.

Sellmann geht es nicht um kulturpessimistische Denunziation der jungen Generation, sondern um einen genaueren Blick der B-Generation: „Wer die Werte der heute Jüngeren verstehen will, muss sich dafür interessieren, in welcher Wirklichkeit sie leben. Denn Werte sind Reaktionen auf Wirkungen, auf Wirklichkeit.“

Das Manuskript zum Vortrag als PDF, mehr von Matthias Sellmann und seinen Kollegen bei www.ksa-hamm.de (mit sehr nützlichem Folienkasten!!!).

 

Im Nachmittagsvortrag vertiefte Matthias Sellmann die Analyse des kulturellen Umbruchs nach 1990. Werbespots der Hypo-Vereinsbank und der Commerzbank illustrieren den mentalen Unterschied zwischen B- und C- Generation (Selbst-Verwirklichung vs. Selbst-Management) sowie das fundamentale Unsicherheitserlebnis in einer Welt, die nicht mehr zu überschauen oder gar zu kontrollieren ist:

Eine Jungenstimme (ca 17 Jahre) spricht:„Sagt mal, geht einfach alles immer schneller? Oder bin ich nur zu langsam geworden? Jeden Tag gibt es neue Möglichkeiten zu sparen, zu verlieren, zu investieren. Kommt da noch jemand mit? Versteht mich nicht falsch, ich will ja nicht die Welt anhalten – aber kann sie sich nicht ab und zu einmal um mich drehen? Nur so lange, bis ich hier in meinem Eck ein paar Dinge in den Griff gekriegt habe. Ginge das?“ Claim: Leben sie! Wir kümmern uns um die Details.)

Sellmann konstituiert den Ausfall wichtiger Navigationssysteme, auf die sich die Vorgängergenerationen noch weitgehend verlassen konnten.

  • Ausfall der biografischen Navigation. „Jeden Tag gibt es neue Möglichkeiten, sich von der Ausbildung her auf eine andere Zukunft einzustellen: Ist Schule wichtig? Ausbildung? Welcher Beruf hat Zukunft? Studium? In Deutschland? Jeden Tag gibt es neue Möglichkeiten, seine geschlechtliche Identität zu definieren: homo? Hetero? Bi? Trans? Welche Signale sendet mein Körper? Jeden Tag gibt es neue Möglichkeiten, sich selbst neu zu sehen? Bin ich schön? Habe ich Freunde? Sollte ich die Szene wechseln? Gehöre ich zu denen oder zu denen? Es gibt im Prinzip (nicht unbedingt real!) so viele Wahlmöglichkeiten in so vielen Bereichen, dass bei jeder Wahlentscheidung der fragmentarische Charakter des Gewählten überdeutlich ist. Es könnte auch anders sein, ich könnte auch anders sein. Die Frage aus dem Spot wird einsichtig: Kommt da noch jemand mit? Kapiert noch jemand was?
  • Ausfall der kognitiven Navigation. „Die Jüngeren finden keine Wirklichkeit mehr vor, die man kognitiv verstehen könnte. […]Wer versteht, wie ein ICE bremst? Wie ein Handy funktioniert? Warum ein Joghurt mit rechtsdrehenden Milchsäuren gesünder sein soll als einer mit linksdrehenden? Wer versteht die Mathematik hinter seinem Lebensversicherungsvertrag? Das Kleingedruckte auf der Wurstverpackung? Die Diagnose des Röntgenarztes? Die Elektronik seines Autos?[…] Wer traut sich noch ein Urteil zu über die anstehende Gesundheitsreform? Über die Rechtmäßigkeit der Amerikaner im Irak? Über die Frage der Erlaubtheit der Forschung an Embryonen? […] Inmitten der durchgreifenden Wissensgesellschaft haben wir eine Krise der Vernunft und des Kognitiven. Je mehr wir wissen, desto mehr entgleitet uns der Zusammenhang. […] Was heißt das alles für den Alltag der Jüngeren? Sie kommen nicht mehr mit, kennen es aber gar nicht anders. Wir sprechen hier analytisch von durchgreifender kognitiver Entstandardisierung. Dies ist ein entscheidender Befund. Er bedeutet einfach gesagt, dass wir keine Begriffe mehr haben, die eindeutig zu Verhaltenserwartungen werden können. […]Wirklichkeit wird paradox. Die Jüngeren erleben eine Wirklichkeit, in der kognitive Sammelbegriffe versagen. […] Sie erwarten von dieser Welt auch gar nicht, dass klare Begriffe eindeutiges Verhalten nach sich ziehen müssen. Kommt da noch jemand mit?
  • Ausfall der haptischen Navigation. „In der Wissensgesellschaft verschwindet nicht nur die kognitive Sicherheit, sondern auch der Raum und der Körper. Die Systeme speisen keine Subjekte in ihre Operationen ein, sondern sie prozessieren Medien. In der Wirtschaft zählt Geld, in der Politik Stimme, bei den Medien Quote, in der Wissenschaft Publikation, auf der Behörde der Antrag, im Krankenhaus die Patientenakte usw. Wer aus welchen Gründen und mit welcher Geschichte kauft, wählt, anschaut, forscht, beantragt oder krank ist, das ist für das Funktionieren der gesellschaftlichen Operationen völlig unwichtig. Nirgendwo geht es um meine persönliche biografische Anwesenheit – bis auf eine Ausnahme: dem Intimsystem. Von hierher rührt die totale Überforderung an zwischenmenschliche Liebe, die sich ja auch in Jugendstudien sehr deutlich zeigt: Hier, im intimen Körperspiel, soll mir alles an Wichtigkeit und Unersetzlichkeit gegeben werden, was mir draußen versagt bleibt. […] Der Trend geht dahin, sich seine persönliche Welt wieder berührbar zu machen. Das Badezimmer wird zur Wellness-Oase; Anrufbeantworter dosieren den Außenkontakt; eigene Lern-CD-Roms ersetzen den Gang zur Volkshochschule; Plasma-Bildschirme eröffnen das Heimkino; das Kinderzimmer wird zum Romantikmuseum, deren wichtigsten Ausstellungsstück das Kind ist; Tupperparties boomen genauso wie der Besuch auf dem Wochen- oder im Heimwerkermarkt. Cocooning bedeutet: Ich bin in der Nahwelt unterwegs. Ich pflege mein engstes Netzwerk. Ich fühle mich wohl im Sicheren, Bekannten, Berührbaren. Ich sitze mit meinem Leben nicht am Fernrohr, sondern am Mikroskop. Cocooning ist eine der dominanten Wertestrategien von Jüngeren. Warum Soaps so wichtig sind; warum Freundschaft oberster Wunsch ans Leben ist; warum Romantik angesagt ist; warum Sex, Schönheit und Szene so hohe Priorität haben; warum Events konstitutiv sind für jugendliche Freizeitgestaltung; warum endlose Gespräche darum kreisen, wie man das eigene Zimmer einrichten soll oder welche Stadt zu mir passt – all dies ließe sich von dem einfachen Satz her erklären: Ich will meine Welt berühren können.“

Jugendliche entwickeln mit den für sie charakteristischen Werten intelligente und rationale Strategien, mit dieser ihnen so gegebenen Wirklichkeit „klarzukommen“:

  • „Adaptive Navigation: Jugendliche setzen bei der Erreichung ihrer Ziele auf Flexibilität und Mobilität. Ein Ziel wird nicht unilinear oder gar prinzipiell angestrebt, sondern über Umwege. Man laviert, wartet ab, testet, prüft. […] Denn: Der Ozean ist nicht vor mir, sondern neben mir.
  • Reality sampling: Jugendliche haben mehrere Modi von Wirklichkeit. Die Unterscheidung von Primär- und Sekundärwirklichkeit hält der wissensgesellschaftlichen Gegenwart nicht stand. Für Jugendliche gibt es keinen Unterschied zwischen realen und medialen Vorbildern. Zwischen diesen Ebenen kann hin uns her geswitcht werden. Virtualität ist nicht das Gegenteil von Realität, sondern ihr Inhalt.
  • Wertemix: Gegensätze werden nicht über Prinzipien oder dialektische Manöver synthetisiert, sondern stehengelassen, z.T. sogar gesucht und inszeniert. Die Jüngeren kennen nichts anderes als das Paradox – daher ihre Ironie und auch ihre Melancholie. Es gibt nicht den Anspruch, das Leben über einen Kamm scheren zu können. Lieber sucht man die vorläufige Lösung, die aber für die jetzt anstehende Episode passt. […] Leistungswerte stehen neben Freizeitwerten; Authentizitätsansprüche stehen neben Simulationsbedürfnissen; experimentelle Stile mischen sich mit konservativen Grundhaltungen; die Einsicht in die eigenen Grenzen paart sich mit der Sehnsucht nach großen Idealen.
  • Ästhetisierung und symbolische Kommunikation: Das was biografisch als bedeutsam entdeckt wurde, muss ins soziale Gespräch gebracht werden. Hierzu steht aber der Modus der Begriffe, der linearen Argumentation und der Bezug auf standardisierte Größen nicht mehr zur Verfügung. Die Jüngeren kommunizieren daher im Modus des Symbolischen. Um das erhoffte korrekte Verständnis des Gemeinten zu erzielen, müssen die richtigen Zeichen gesetzt werden. Darum ist das Äußere so wichtig. Und so manche geplagte Mutter wird sich an das letzte Gespräch mit dem 16-jährigen im Schuhregal erinnern. (Das Kind will den 160 Euro Schuh von Reebok; die Mutter schraubt den verständlichen, aber verhängnisvollen Satz raus: „Du, beim Aldi gibt’s gerade ein Angebot, der kostet nur 29,90 und sieht fast genauso aus!) Hierzu muss man wissen: Bestimmte sensible Kleidungsstücke transportieren erheblich mehr Botschaft, als man das als Nichteingeweihter erahnen kann. Schuhe, Frisuren, aber auch Hosen, Logos oder Musikstücke sind inszenierte Selbstverpflichtungen, an die der Wunsch angeschlossen ist, über Kommunikation stabilisiert zu werden.“

Das Manuskript zum Vortrag als PDF, mehr von Matthias Sellmann und seinen Kollegen bei www.ksa-hamm.de (mit sehr nützlichem Folienkasten!!!).

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